Relaunch
Der Inhaltsstopp, den niemand vereinbart
Von allen Dingen, die bei einem Relaunch schiefgehen, ist dieses das unspektakulärste.
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Von Timo Wessels Veröffentlicht am
Von allen Dingen, die bei einem Relaunch schiefgehen, ist dieses das unspektakulärste. Es hat keinen technischen Namen, es erzeugt keine Fehlermeldung, und es steht in keiner Checkliste.
Es geht so:
Die Inhalte der alten Seite werden auf die neue übertragen. Das dauert je nach Umfang Tage oder Wochen. Währenddessen läuft die alte Seite normal weiter — sie muss ja, es ist die Seite, die gerade Kunden bringt.
Und während der Übertragung ändert jemand etwas an der alten Seite.
Die Chefin korrigiert einen Preis. Jemand aus dem Vertrieb aktualisiert eine Referenz. Der Praktikant setzt einen neuen Beitrag online. Alles völlig richtige Handlungen an einer laufenden Website.
Nur: Diese Änderungen sind auf der neuen Seite nicht drin. Die wurde vorher übertragen.
Warum das erst spät auffällt
Am Tag des Umschaltens sieht alles gut aus. Die neue Seite ist vollständig, die Struktur stimmt, nichts fehlt sichtbar.
Was fehlt, sind die Änderungen der letzten drei Wochen. Und die fallen niemandem auf, weil niemand sie sucht — sie waren ja da, bevor umgeschaltet wurde.
Der Preis steht wieder auf dem alten Wert. Die korrigierte Telefonnummer ist wieder die falsche. Der Beitrag von vorletzter Woche ist verschwunden.
Bemerkt wird das Wochen später, einzeln, und meistens von einem Kunden. Und dann sieht es aus wie ein Fehler in der neuen Seite, obwohl es keiner ist.
Der ärgerlichste Fall ist die korrigierte Falschangabe, die wieder auftaucht. Jemand hat einen Fehler gemeldet, jemand hat ihn behoben — und der Relaunch macht ihn rückgängig.
Die Vereinbarung
Die Lösung ist keine technische. Sie ist ein Satz, den jemand aussprechen muss:
„Ab dem soundsovielten wird an der alten Seite nichts mehr geändert. Alles, was danach kommt, geht in die neue."
Das klingt trivial. Es fällt trotzdem regelmäßig aus, und zwar aus einem nachvollziehbaren Grund: Der Zeitpunkt gehört niemandem. Wer die Seite baut, denkt an die Übertragung. Wer die Inhalte pflegt, denkt an seine Arbeit. Dass zwischen beidem eine Absprache fehlt, merkt man erst, wenn sie gefehlt hat.
Zur Vereinbarung gehören drei Angaben:
Ab wann. Ein Datum, kein „wenn wir soweit sind".
Für wen. Alle, die Zugang haben — nicht nur die, an die man zuerst denkt. Es sind fast immer mehr Leute, als der Auftraggeber im Kopf hat.
Und wohin stattdessen. Wer ab dem Stichtag etwas ändern muss, braucht einen Weg. Entweder Zugang zur neuen Seite, oder eine Stelle, an der Änderungswünsche gesammelt werden. Ohne diesen dritten Punkt wird die Vereinbarung gebrochen, und zwar zu Recht — man kann von niemandem verlangen, eine falsche Angabe drei Wochen stehen zu lassen.
Und dann kontrollierst du sie trotzdem
Das ist der Teil, der aus der Erfahrung kommt und nicht aus der Theorie.
Die Vereinbarung wird gebrochen. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil jemand sie nicht mitbekommen hat, weil ein Zugang vergessen wurde, oder weil etwas dringend war.
Deshalb genügt es nicht, den Stopp zu vereinbaren. Man muss mitbekommen, wenn er nicht eingehalten wird. Dafür gibt es Werkzeuge, die eine Website regelmäßig ansehen und melden, wenn sich etwas geändert hat.
Der Aufwand ist gering, und der Nutzen ist nicht Kontrolle, sondern Nachziehen: Wenn du weißt, dass am Dienstag ein Preis geändert wurde, kannst du ihn auf der neuen Seite nachtragen. Weißt du es nicht, geht die Änderung verloren.
Das ist der eigentliche Punkt. Es geht nicht darum, jemandem etwas zu verbieten. Es geht darum, nichts zu verlieren.
Der Sonderfall, der noch häufiger ist
Manchmal überträgt der Kunde die Inhalte selbst — bei größeren Seiten ist das üblich, weil niemand anders die Texte beurteilen kann.
Dann läuft dieselbe Person, die Inhalte auf die neue Seite bringt, unter Umständen parallel als diejenige, die auf der alten noch etwas korrigiert. Oder es sind zwei Personen im selben Team, die nicht miteinander sprechen.
In diesem Fall ist die Absprache wichtiger als bei jedem anderen Aufbau — und sie wird seltener getroffen, weil alles innerhalb eines Hauses passiert und deshalb als geklärt gilt.
Was du konkret tust
Vor dem Beginn der Übertragung: Stichtag festlegen, schriftlich, an alle mit Zugang.
Gleichzeitig: Sagen, was ab dem Stichtag mit dringenden Änderungen passiert.
Ab dem Stichtag: Die alte Seite beobachten lassen.
Kurz vor dem Umschalten: Einmal vergleichen. Was hat sich seit der Übertragung geändert? Alles, was gefunden wird, wird nachgetragen.
Nach dem Umschalten: Zugänge zur alten Umgebung entziehen. Sonst pflegt jemand noch monatelang eine Seite, die niemand mehr sieht — und das kommt öfter vor, als man denkt.
Warum darüber niemand schreibt
Ich habe für diesen Artikel nachgesehen, wie oft das Thema bei deutschsprachigen Anbietern vorkommt, die Relaunches machen. Über alle gesammelten Seiten hinweg kein einziges Mal.
Das ist kein Vorwurf. Es liegt daran, dass Anleitungen technisch geschrieben werden — über Weiterleitungen, Statuscodes, Datenbanken. Ein Termin, an dem Leute aufhören sollen zu tippen, passt in keine dieser Kategorien.
Er entscheidet trotzdem darüber, ob nach dem Umbau alles da ist.
Quellen
- Sitebulb-Webinar Website Migrations & Redirect Mapping Dos & Don'ts, November 2024, Runde mit vier Praktikern — die Beobachtung, dass bei einer Inhaltsübertragung durch den Kunden selbst parallel jemand anderes im selben Team Inhalte auf der laufenden Seite ändert; dass es dafür eine ausdrückliche Vereinbarung über einen Stichtag braucht; und die ausdrückliche Erfahrung, dass die Vereinbarung auch dann gebrochen wird, wenn sie zugesagt wurde, weshalb Änderungen an der laufenden Seite während des Projekts überwacht werden.
- Udemy, Der perfekte Webseiten-Relaunch, Phase 3 und Phase 4 — dass Inhalte aus der bestehenden Seite ausgelesen und übertragen werden, und dass die Freigabe des Kunden zum Umschalten ausdrücklich eingeholt wird, weil auf seiner Seite ebenfalls Vorbereitungen nötig sind.
- Eigene Messung — über alle gesammelten Wettbewerbsseiten hinweg kommt kein Begriff für einen Inhaltsstopp vor, weder deutsch noch englisch. Geprüft wurde mit zwei unabhängig formulierten Suchmustern.
- Eigene Praxis — die drei Bestandteile der Vereinbarung, insbesondere die Notwendigkeit eines Wegs für dringende Änderungen; der Abgleich kurz vor dem Umschalten; und der Entzug der Zugänge zur alten Umgebung danach.