Relaunch
Die Liste, ohne die ein Relaunch blind ist
Es gibt eine Frage, die vor jedem Umbau einer bestehenden Website beantwortet sein muss, und sie klingt harmloser, als sie ist:
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Von Timo Wessels Veröffentlicht am
Es gibt eine Frage, die vor jedem Umbau einer bestehenden Website beantwortet sein muss, und sie klingt harmloser, als sie ist:
Welche Adressen hat deine Seite eigentlich?
Nicht welche Seiten im Menü stehen. Nicht welche du gebaut hast. Sondern welche Adressen es gibt, unter denen heute jemand bei dir ankommt — aus einer Suchmaschine, aus einem Lesezeichen, aus einer fremden Verlinkung, aus einer Mail von vor drei Jahren.
Wer diese Liste nicht hat, kann nach dem Umbau nicht feststellen, ob etwas fehlt. Er kann nur warten, bis sich jemand beschwert.
Warum eine Quelle nicht reicht
Der naheliegende Griff ist die Suchkonsole. Dort steht, welche Adressen in den Suchergebnissen auftauchen.
Das ist eine gute Quelle und eine unvollständige. Sie kennt nur, was Google kennt, und davon zeigt sie im Wesentlichen, was Klicks oder Einblendungen hatte. Eine Adresse, die seit Jahren nur über einen Link in einem Forum aufgerufen wird, steht dort nicht. Eine Seite, die nie ranken sollte, aber in einer Rechnung verlinkt ist, auch nicht.
Deshalb sammelt man aus mehreren Richtungen. Jede kennt einen anderen Ausschnitt:
Die Suchkonsole — was in der Suche vorkommt.
Die bereits eingerichteten Weiterleitungen — und das ist der Griff, den fast alle vergessen. Auf einer Seite, die schon einmal umgebaut wurde, liegen alte Weiterleitungen. Wer sie nicht einsammelt, baut die neuen obendrauf: Eine alte Adresse zeigt auf eine mittelalte, die zeigt auf die neue. Zwei Sprünge statt einem, für immer.
Die Besucherstatistik — über einen möglichst langen Zeitraum, ein Jahr oder mehr. Sie kennt auch, was nie über eine Suchmaschine kam.
Die Protokolle des Servers oder des Auslieferungsnetzes — dort steht, was tatsächlich abgerufen wurde. Das ist die ehrlichste Quelle, weil sie nichts interpretiert.
Werkzeuge für eingehende Verweise — sie zeigen, worauf von außen verlinkt wird. Eine Adresse mit einem guten fremden Link ist wertvoll, auch wenn sie kaum Besucher hat.
Ein Durchlauf der bestehenden Seite — er findet, was intern verlinkt ist. Was nirgends verlinkt ist und trotzdem existiert, findet er nicht — deshalb steht er hier und nicht allein.
Aus der Liste wird eine Entscheidung
Die Liste ist noch keine Antwort. Sie wird erst nützlich, wenn neben jeder Adresse steht, was mit ihr geschehen soll. Es gibt genau drei Möglichkeiten:
Sie bleibt. Die Adresse ändert sich nicht, die Seite ist danach unter derselben Adresse erreichbar. Das ist der billigste Fall, und man sollte ihn öfter wählen, als es in Relaunches üblich ist.
Sie wird weitergeleitet. Es gibt einen inhaltlich passenden Nachfolger. Wichtig ist das Wort inhaltlich: Eine Weiterleitung auf die Startseite, nur damit kein Fehler entsteht, ist keine Antwort auf die Frage des Besuchers.
Sie verschwindet. Es gibt keinen Nachfolger, weil der Inhalt bewusst wegfällt. Dann ist es ehrlicher, das zu sagen, als eine Weiterleitung vorzutäuschen.
Entschieden wird anhand von vier Dingen, die in derselben Zeile stehen sollten: wie oft die Adresse aufgerufen wurde, ob es fremde Verweise darauf gibt, ob der Inhalt noch stimmt, und ob die Adresse überhaupt zum Inhalt passt. Adressen, deren Name nichts mit dem Inhalt zu tun hat, sind fast immer Altlasten.
Die Liste ist ein lebendes Dokument
Ein Punkt, der in der Praxis zählt: Diese Liste entsteht früh und wird mehrfach überarbeitet.
Früh heißt: sobald die Inhalte auf der Baustelle stehen, nicht erst kurz vor dem Umschalten. Nicht weil die erste Fassung schon stimmt — sie stimmt nicht —, sondern weil sie eine Vergleichsgrundlage schafft. Wenn danach jemand auf der Baustelle eine Adresse ändert, fällt es gegen diese Fassung auf. Ohne sie fällt es gar nicht auf.
Auf einer Baustelle, an der mehrere Leute arbeiten, ändern sich Adressen. Das ist normal. Unentdeckt bleiben darf es nicht.
Und dann wird sie zur Prüfung
Der eigentliche Wert der Liste zeigt sich nach dem Umschalten, und das ist der Teil, der am häufigsten ausfällt.
Du nimmst die alten Adressen — nicht die neuen — und rufst sie alle ab. Nicht klicken, sondern durchlaufen lassen mit einem Werkzeug, das aufschreibt, was der Server antwortet.
Zurückkommen dürfen genau drei Antworten, und zwar dieselben drei Entscheidungen von oben:
- Erreichbar für alles, was bleiben sollte
- Dauerhaft weitergeleitet für alles, was einen Nachfolger hat
- Gelöscht für alles, was bewusst wegfällt
Kommt etwas anderes zurück, ist es ein Befund:
Eine „nicht gefunden"-Antwort heißt, dass eine Weiterleitung vergessen wurde. Das ist der teure Fall — jeder, der über diese Adresse kommt, landet im Nichts.
Eine Kette — eine Weiterleitung, die auf eine weitergeleitete Adresse zeigt — heißt, dass die alten Weiterleitungen nicht eingesammelt wurden. Es funktioniert und ist trotzdem falsch.
Eine Weiterleitung dort, wo „erreichbar" stehen sollte, heißt, dass sich eine Adresse geändert hat, ohne dass es jemand mitbekommen hat.
Ohne die Liste ist keine dieser drei Prüfungen möglich. Man kann die neue Seite durchlaufen lassen und findet, was auf ihr kaputt ist. Was fehlt, findet man so nie — denn eine Adresse, die es nicht mehr gibt, ist auf der neuen Seite auch nirgends verlinkt.
Das ist der Kern: Die neue Seite kann dir nicht sagen, was du verloren hast. Nur die alte Liste kann das.
Was das kostet und was es spart
Die Liste zusammenzutragen ist stumpfe Arbeit. Mehrere Ausgaben herunterladen, in eine Tabelle legen, Dubletten entfernen, Spalten ergänzen. Bei einer kleinen Seite ein Vormittag, bei einer gewachsenen deutlich mehr.
Was sie spart, merkt man nur, wenn man sie hat. Fehlende Weiterleitungen fallen sonst nicht am Tag des Umschaltens auf, sondern über Wochen — als langsam sinkende Zahlen, für die es viele Erklärungen gibt und deren echte Ursache niemand mehr sucht.
Es ist genau die Art Arbeit, die niemand sieht und deren Fehlen niemand einem einzelnen Fehler zuordnen kann.
Wenn du mitten im Umbau bist
Falls gerade ein Relaunch läuft oder gerade einer stattgefunden hat und diese Liste nicht existiert, ist das kein verlorener Fall.
Die Quellen sind rückwirkend noch da: Die Suchkonsole hält ihre Daten eine Weile vor, die Besucherstatistik ebenfalls, und fremde Verweise verschwinden nicht. Was fehlt, ist die Zeit — die Daten der Suchkonsole reichen nur begrenzt zurück.
Wenn also etwas an dieser Stelle zu tun ist, dann früher als später.
Quellen
- Udemy, Der perfekte Webseiten-Relaunch, Phase 1 und Phase 2 — dass die Datengrundlage aus mehreren Ausgaben zusammengesetzt wird, darunter die gut laufenden Adressen aus der Suchkonsole, die schwachen aus der Besucherstatistik, die internen Verlinkungen und die eingehenden Verweise; dass je Adresse entschieden wird, ob sie erreichbar bleibt, weitergeleitet oder gelöscht wird, und dass diese Entscheidung an Klicks, Einblendungen, eingehenden Verweisen und der Frage hängt, ob der Adressname überhaupt zum Inhalt passt; dass eine bereits bestehende Weiterleitung erkannt und aufgelöst werden muss, statt eine weitere davorzusetzen.
- Udemy, Der perfekte Webseiten-Relaunch, Phase 4 — dass dieselbe Liste nach dem Umschalten im Listenbetrieb abgerufen wird und dabei genau drei Antworten zulässig sind; dass eine „nicht gefunden"-Antwort auf eine vergessene Weiterleitung hinweist; und die Beobachtung aus dem durchgeführten Beispiel, dass dabei tatsächlich vergessene Weiterleitungen und eine überflüssige Weiterleitung gefunden wurden.
- Sitebulb-Webinar Website Migrations & Redirect Mapping Dos & Don'ts, November 2024, Runde mit vier Praktikern — dass eine einzige Quelle nicht ausreicht und Adressen aus Suchkonsole, den im System hinterlegten Weiterleitungen, dem Auslieferungsnetz, der Besucherstatistik über ein längeres Fenster und aus Verweis-Werkzeugen zusammengetragen werden; dass zuerst die bestehenden Weiterleitungen eingesammelt werden, weil sonst Ketten entstehen; dass eine erste Fassung der Zuordnung so früh wie möglich entsteht, sobald die Inhalte auf der Baustelle stehen, und danach mehrfach überarbeitet wird; und dass diese frühe Fassung dazu dient, Änderungen an der Adressstruktur zu bemerken, die andere auf der Baustelle vornehmen.
- Eigene Praxis — die Reihenfolge der Quellen, der Hinweis, dass eine Weiterleitung auf die Startseite keine inhaltliche Antwort ist, die Einordnung des Aufwands, und der Hinweis, dass die Datenquellen nur begrenzt weit zurückreichen und eine fehlende Liste deshalb eher früher als später nachgeholt wird.