Barrierefreiheit
Einen Screenreader selbst ausprobieren
Man kann viel über Barrierefreiheit lesen und trotzdem nicht verstehen, worum es geht.
8 Min. Lesezeit
Von Timo Wessels Veröffentlicht am
Man kann viel über Barrierefreiheit lesen und trotzdem nicht verstehen, worum es geht. Der Moment, in dem es klickt, ist meistens derselbe: Man startet zum ersten Mal einen Screenreader auf der eigenen Website und hört, was tatsächlich ankommt.
Das dauert zwanzig Minuten, kostet nichts und ändert dauerhaft, wie man über die eigene Seite denkt. Dieser Artikel zeigt, wie es geht.
Erst mal: wer benutzt eigentlich was
Hilfsmittel sind Hardware und Software, die Menschen mit Behinderungen den Zugang zu digitalen Informationen ermöglichen. Die Bandbreite ist größer, als die meisten denken:
- Screenreader wandeln Bildschirminhalte in Sprache um. Die verbreiteten sind JAWS, NVDA und VoiceOver.
- Braillezeilen geben den Text tastbar aus, über eine Reihe beweglicher Stifte.
- Vergrößerungssoftware wie ZoomText oder die Bildschirmlupe von Windows.
- Sprachsteuerung — Siri, Google Assistant, Dragon NaturallySpeaking. Diese Systeme übersetzen gesprochene Befehle in Tastatureingaben, weshalb Tastaturbedienbarkeit auch ihre Voraussetzung ist.
- Alternative Eingabegeräte — Augensteuerung, Mundmaus, Joysticks.
- Angepasste Tastaturen und Mäuse mit größeren Tasten oder besonderer Form.
- Vorlesesoftware für Menschen mit Leseschwierigkeiten.
- Untertitelungsdienste für Videos und Livestreams.
Eine Zahl, die die Prüfarbeit betrifft: Laut einer Erhebung von WebAIM aus Januar 2024 nutzen 91,3 Prozent der Screenreader-Nutzer auch ein mobiles Gerät. Wer nur am Desktop prüft, prüft also die Hälfte.
(Rheinwerk, Barrierefreie Webseiten, Kap. 2.3)
Warum das mehr Leute betrifft, als die Statistik sagt
Ende 2021 lebten in Deutschland rund 7,8 Millionen schwerbehinderte Menschen — 9,4 Prozent der Bevölkerung. Das ist die Zahl, die üblicherweise genannt wird.
Sie ist zu klein, weil sie nur dauerhafte Einschränkungen erfasst. Dieselbe Einschränkung tritt in drei Formen auf:
| Sinn | Dauerhaft | Vorübergehend | Situativ |
|---|---|---|---|
| Greifen | einarmig | Arm nach einem Unfall verletzt | ein Kind auf dem Arm |
| Sehen | blind | Grauer Star | abgelenkt beim Autofahren |
| Hören | gehörlos | Mittelohrentzündung | laute Umgebung |
| Sprechen | stumm | Kehlkopfentzündung | starker Dialekt |
Die rechte Spalte trifft jeden. Die mittlere trifft jeden irgendwann. Und die „unsichtbaren" Einschränkungen — Lese-Rechtschreib-Schwäche, Farbfehlsichtigkeit, kognitive Einschränkungen — werden massiv unterschätzt. In deinem Bekanntenkreis sind mehr Menschen betroffen, als du annimmst.
Das ist auch das Argument, mit dem ich Kunden erreiche, die Barrierefreiheit für ein Randthema halten: Es geht nicht um 9,4 Prozent. Es geht um alle, irgendwann.
(Rheinwerk, Barrierefreie Webseiten, Kap. 1.2)
NVDA einrichten
NVDA — NonVisual Desktop Access — ist ein freier Screenreader für Windows. Er ist kostenlos, ohne Registrierung nutzbar und für Prüfzwecke völlig ausreichend. Download unter nvaccess.org/download/.
Auf dem Mac gibt es VoiceOver, das ist bereits eingebaut. Windows hat die Sprachausgabe, Android hat TalkBack. Für die Prüfarbeit unter Windows ist NVDA die richtige Wahl, weil es zusammen mit JAWS am weitesten verbreitet ist.
Vor dem ersten Start legst du in den Einstellungen die NVDA-Taste fest. Fast alle Befehle sind Kombinationen aus dieser Taste und einer weiteren. Üblich ist die Einfügen-Taste oder die Feststelltaste.
Stell außerdem gleich die Sprechgeschwindigkeit herunter. Die Voreinstellung ist für Geübte gedacht und am Anfang nicht zu verstehen.
Die wichtigsten Befehle:
| Was | Taste |
|---|---|
| NVDA starten | Strg + Alt + N |
| NVDA beenden | NVDA + Q |
| Sprache sofort anhalten | Strg |
| Nächstes Element | Tab |
| Voriges Element | Umschalt + Tab |
| Aktivieren | Enter |
| Elementliste öffnen | NVDA + F7 |
| Zur nächsten Überschrift | H |
| Zur nächsten Überschrift einer Ebene | 1 bis 6 |
| Zum nächsten Bereich (Landmark) | D |
| Zum nächsten Formular | F |
| Zur nächsten Liste | L |
| Zum nächsten Link | K |
| Zur nächsten Tabelle | T |
Der wichtigste Handgriff für Anfänger ist die Strg-Taste. Sie stoppt die Sprachausgabe sofort. Ohne sie redet der Screenreader weiter, während man verzweifelt sucht, wie man ihn ruhigstellt.
(Rheinwerk, Barrierefreie Webseiten, Kap. 2.3)
Der erste Durchgang
So gehe ich bei einer fremden Website vor, und so kannst du es bei deiner eigenen machen:
Schritt 1: H drücken, immer wieder. Damit springst du von Überschrift zu Überschrift. Innerhalb einer Minute weißt du, ob deine Seitenstruktur trägt. Wenn dabei etwas herauskommt, das wie ein Inhaltsverzeichnis klingt, ist die Struktur in Ordnung. Wenn Wortfetzen wie „Jetzt anfragen" dazwischenkommen oder auf eine H2 direkt eine H4 folgt, hast du deine erste Fundstelle.
Schritt 2: NVDA + F7, die Elementliste. Sie zeigt alle Überschriften, alle Links und alle Formularfelder als Liste. Das ist die aufschlussreichste Ansicht überhaupt. Bei den Links siehst du sofort, ob dort fünfmal „Mehr erfahren" steht. Bei den Überschriften siehst du die Reihenfolge, die NVDA tatsächlich erkennt.
Schritt 3: D drücken. Springt zu den Bereichen. Wenn nur „Hauptbereich" kommt oder gar nichts, fehlen die Landmarks.
Schritt 4: Tab durch die ganze Seite. Hör zu, was bei jedem Element angesagt wird. Typische Funde: Ein Link, bei dem nur „Link Grafik" kommt, weil der Alternativtext fehlt. Ein Formularfeld, bei dem nur „Eingabefeld" kommt, weil die Beschriftung nicht verbunden ist. Ein Button, der als „Schaltfläche" ohne Namen angesagt wird.
Schritt 5: F drücken und ein Formular ausfüllen. Der härteste Test. Kommt bei jedem Feld an, was hineingehört? Erfährst du, welche Felder Pflicht sind? Und wenn du absichtlich einen Fehler machst — erfährst du, was falsch war und wo?
Schritt 6: Der Sprachbetrachter. Im NVDA-Menü unter Werkzeuge gibt es den Sprachbetrachter. Er schreibt mit, was vorgelesen wird. Damit kannst du hinterher in Ruhe nachlesen, statt beim Zuhören mitzuschreiben — und du kannst es jemandem zeigen, der nicht dabei war.
Was du beim ersten Mal erlebst
Ein paar ehrliche Hinweise, damit du nicht nach fünf Minuten aufgibst:
Die ersten Minuten sind chaotisch. Der Screenreader redet ununterbrochen, du weißt nicht, wo du bist, und alles geht zu schnell. Das ist normal. Geschwindigkeit runter, Strg zum Anhalten, und noch mal von vorn.
Du prüfst nicht, wie ein blinder Mensch arbeitet. Ein geübter Screenreader-Nutzer ist erheblich schneller als du und kennt Kniffe, die du nicht kennst. Was du machst, ist ein Werkzeugtest — du siehst, welche Informationen ausgegeben werden und welche fehlen. Das ist wertvoll, aber es ersetzt keinen Test mit echten Nutzern.
Die Ergebnisse unterscheiden sich zwischen Programmen. NVDA, JAWS und VoiceOver sagen dieselbe Seite unterschiedlich an. Was in NVDA funktioniert, kann in JAWS anders klingen. Für die Fehlersuche reicht ein Programm; für eine Abnahme nicht.
Es ist nicht spektakulär, wenn alles stimmt. Eine gut gebaute Seite klingt langweilig: Überschrift, Text, Liste mit drei Einträgen, Link zur Preisübersicht. Genau das ist das Ziel.
Die häufigsten Funde
Das höre ich bei fast jeder Website, die noch nie geprüft wurde:
- „Grafik, IMG unterstrich 4711 Punkt JPEG" — ein Bild ohne Alternativtext, bei dem der Dateiname vorgelesen wird.
- „Link, Link, Link" — Bildlinks ohne Alternativtext.
- „Mehr erfahren, Mehr erfahren, Mehr erfahren" — in der Elementliste.
- „Eingabefeld leer" — ein Formularfeld ohne verbundene Beschriftung.
- „Leer, leer, leer" — leere Absätze, die als Abstandshalter benutzt wurden.
- Ein Cookie-Banner, das gar nicht angesagt wird, während der Rest der Seite bedient werden soll, die aber im Hintergrund liegt.
- Ein Menü, das sich nicht öffnen lässt, weil es nur auf die Maus reagiert.
- Die Navigation auf jeder einzelnen Unterseite komplett von vorn, weil der Sprunglink fehlt.
Jeder dieser Funde hat eine Entsprechung in einem anderen Artikel — Alternativtexte, Linktexte, Formularbeschriftungen, Seitenstruktur. Der Screenreader ist nicht die Lösung, er ist das Messgerät.
Was das für dich praktisch bringt
Du hörst Fehler, die kein Werkzeug meldet. Automatische Prüfungen finden, dass ein Alternativtext fehlt. Sie finden nicht, dass ein vorhandener Alternativtext „Bild1" lautet. Sie finden, dass eine Überschriftenebene übersprungen wurde. Sie finden nicht, dass eine Überschrift inhaltlich nichts aussagt.
Du bekommst ein Gefühl für Reihenfolge. Am Bildschirm sieht man alles gleichzeitig. Im Screenreader gibt es nur ein Nacheinander. Danach denkt man beim Aufbau einer Seite anders.
Du kannst mitreden. Wer einmal selbst gehört hat, wie eine Seite klingt, führt andere Gespräche mit Dienstleistern — und lässt sich weniger erzählen.
Und ein Nebeneffekt, der immer eintritt: Man wird beim eigenen Text strenger. Weil man plötzlich hört, wie viel Füllmaterial darin steckt.
Was zu tun ist
Installier NVDA und nimm dir zwanzig Minuten. Nicht mehr fürs Erste.
Prüf deine drei wichtigsten Seiten, nicht die ganze Website: Startseite, wichtigste Leistungsseite, Kontaktseite.
Schreib mit, was dir auffällt — der Sprachbetrachter hilft dabei.
Wiederhol das auf dem Telefon. Auf Android mit TalkBack, auf iPhone mit VoiceOver. Angesichts dessen, dass gut neun von zehn Screenreader-Nutzern mobil unterwegs sind, ist das kein optionaler Zusatz.
Und mach es noch einmal nach dem nächsten Umbau. Nichts an Barrierefreiheit hält von selbst — ein neues Plugin, ein neues Formular, ein neuer Baustein, und ein Teil davon ist wieder weg.
Quellen
- Rheinwerk, Barrierefreie Webseiten, Kap. 2.3 (Screenreader und Co. — assistive Technologien) — die vollständige Aufzählung der Hilfsmittelarten mit Beispielprodukten, JAWS als kommerzielles und NVDA als freies Programm, die eingebauten Lösungen VoiceOver, Sprachausgabe und TalkBack, der Befund aus der WebAIM-Erhebung vom Januar 2024, dass 91,3 Prozent der Screenreader-Nutzer auch ein mobiles Gerät nutzen, die Einrichtung von NVDA einschließlich Festlegung der NVDA-Taste auf Einfügen oder Feststelltaste, die vollständige Befehlstabelle, der Hinweis auf Strg zum Anhalten der Sprachausgabe, das Vorgehen beim ersten Durchgang über wiederholtes H und die Sprungtasten D, F, L, K und T, sowie Sprachbetrachter und Elementliste als Prüfwerkzeuge.
- Rheinwerk, Barrierefreie Webseiten, Kap. 1.2 (Dauerhafte, vorübergehende und situative Einschränkungen) — die Zahl von rund 7,8 Millionen schwerbehinderten Menschen in Deutschland Ende 2021 und ihr Anteil von 9,4 Prozent, die Dreiteilung in dauerhaft, vorübergehend und situativ mit der vollständigen Beispieltabelle nach dem Microsoft Inclusive 101 Guidebook, und der Hinweis auf die Unterschätzung „unsichtbarer" Einschränkungen.
- Atlas,
accessibility/— Einordnung der Prüfmethodik und der Grenze zwischen maschinell erkennbaren und nur menschlich beurteilbaren Befunden. - Eigene Prüfpraxis — die Reihenfolge der sechs Prüfschritte, die Liste der häufigsten Funde in ihrer typischen Ansageform, die Einordnung, dass ein eigener Screenreader-Durchgang ein Werkzeugtest und kein Nutzertest ist, der Hinweis auf Unterschiede zwischen den Programmen, und die Empfehlung, den Durchgang nach jedem Umbau zu wiederholen.